Syrien

Augenschein in Jordanien

  • 01.05.2013
  • Syrien

Im Rahmen der Sammlung für die Opfer des Konflikts in Syrien finanziert die Glückskette fünf Projekte in Jordanien. Daniela Toupane, Kommunikationsbeauftragte bei der Glückskette, hat Mitte April drei dieser Projekte besucht. Im Folgenden schildert sie ihre Eindrücke.

Mehr als 1,3 Millionen Menschen sind seit Beginn des syrischen Konflikts aus dem Land geflohen. Täglich kommen mehrere Tausend dazu. Eines der Nachbarländer von Syrien ist Jordanien, ein Land mit 6,3 Millionen Einwohnern.

In dieses Land sind laut UNHCR seit Anfang des Konfliktes rund 430'000 Menschen geflohen, um sich, ihre Familie und vor allem ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Viele waren lange auf der Flucht, wurden in Syrien selber immer wieder intern vertrieben, bis sie schliesslich das Land ganz verlassen mussten.

Wer über die grüne Grenze nach Jordanien flüchtet, kommt automatisch ins Zaatari Flüchtlingslager, eine Zeltstadt, die heute über 120'000 Bewohner zählt. Vorgesehen war das Zeltlager ursprünglich für 65'000 Personen. Es sind unwirtliche Bedingungen, die dort herrschen, die Stimmung fast surreal: weisse Zelte, der Boden mit weissen Kieselsteinen bedeckt. Farbe in dieses Bild bringen nur die vielen Menschen, die auf die Verteilung von Essensrationen warten. Denn ihnen allen ist etwas gemein: Sie sind auf externe Hilfe angewiesen. Essensrationen, Wasser, Hygieneprodukte, Kleider, medizinische Versorgung erhalten sie von den Hilfsorganisationen vor Ort. 

Es ist deshalb verständlich, dass die Menschen diesen Ort so schnell wie möglich verlassen und ein selbstbestimmtes Leben führen möchten. Ohne Aussicht auf eine baldige Rückkehr in ihr Heimatland und ohne Perspektiven müssen sie sich ein neues Leben einrichten, eine Unterkunft finden, jeden Tag mehrere Kinder ernähren, ohne externe Hilfe ist das unmöglich. Rund drei Viertel der 430’000 syrischen Flüchtlinge leben inmitten der jordanischen Gesellschaft, versuchen etwas Normalität zu finden, die Traumata zu verarbeiten. Dabei werden sie von den Partnerhilfswerken der Glückskette unterstützt. Verteilung von Nahrungsmitteln, Kleidern, Hygiene- und Baby-Kits helfen die dringendste Not zu überwinden. Es braucht aber auch Unterstützung bei der Bezahlung der Mieten, psychosoziale Unterstützung spezifisch auch für Kinder, die Schreckliches erlebt haben, und die Versorgung von verletzten und behinderten Menschen. Unter den Flüchtlingen gibt es immer mehr Verletzungen, die zu lebenslangen Behinderungen führen. Ein Beispiel ist der 11-jährige Houssane.

Medizinische Hilfe

Houssane sitzt auf seinem Bett, als wir ihn antreffen. Das ist für ihn eine riesige Leistung, denn seit sechs Monaten ist Houssane querschnittgelähmt, wird nie mehr gehen können. Trotzdem lächelt er, ist unglaublich stolz darauf, dass er ganz alleine vom Bett in den Rollstuhl und zurück wechseln kann – ein riesiger Kraftakt. In den Gesichtern seiner Eltern kann man gleichzeitig Stolz und unendliche Verzweiflung lesen. Wie sieht die Zukunft ihres Kindes aus?

Er wollte nur an die Tür des Nachbarhauses klopfen, da traf ihn eine Kugel in den Rücken, durchtrennte sein Rückenmark auf Hüfthöhe und veränderte sein Leben für immer. Nach der Flucht nach Jordanien gewinnt Houssane dank den Therapiesitzungen mit der Physiotherapeutin von Handicap International jeden Tag etwas mehr Selbstständigkeit zurück, kann sich in seinem Rohllstuhl frei in der Wohnung bewegen. Sobald er mehr Kraft im Oberkörper hat, bekommt er einen gelenkigeren, leichteren Sportrollstuhl, darauf freut er sich. Doch die Familie wohnt in einer Wohnung im vierten Stock, ohne Lift. Houssane steckt also in der Wohnung fest, wenn ihn niemand die Treppe hoch und runter tragen kann.

Gerne möchte Houssane Familie zurück nach Syrien, wenn der Krieg vorbei ist, doch einfach wird das für sie sicher nicht.
 

Psychosoziale Hilfe für Kinder und ihr Umfeld

Gerade für Kinder ist es wichtig, ein bisschen Normalität im Alltag zu finden, wieder Kind sein zu dürfen und den Krieg hinter sich zu lassen. Das ist schwierig, wenn man mit sechs Kindern in einem kleinen Raum lebt, kaum genug Geld hat, die Miete zu bezahlen, geschweige denn für Wechselkleider für die Kinder oder Windeln für die Kleinsten. Familie Daoud in Irbid erlebt dies jeden Tag. Dank Terre des hommes – Kinderhilfe können die sechs Kinder einen Tag in der Woche bei Gruppenaktivitäten ihren schwierigen Alltag vergessen, spielen, lachen und mit anderen Kindern herumtoben. Die Mutter der Kinder nimmt gleichzeitig an Informationsveranstaltungen für Eltern teil. Dort hat sie gelernt, ihren Stress und das Erlebte nicht an ihren Kindern auszulassen, die Kinder Kinder sein zu lassen und die schlimmen Geschehnisse, so gut es geht, hinter sich zu lassen. So laufen zum Beispiel, als wir das Zimmer betreten, Zeichentrickfilme und nicht pausenlos der Krieg in Syrien im Fernsehen. Diese kleinen Veränderungen haben den Alltag der Familie sehr positiv verändert und helfen ihnen neuen Mut zu fassen. Bald können die Kinder nämlich wieder in die Schule gehen. Terre des hommes – Kinderhilfe hat die Kinder an eine andere Organisation verwiesen, die diese Art von Hilfe leistet. Ein Konzept, mit dem die meisten Hilfswerke arbeiten, weil nicht alle jede Art von Hilfe erbringen können und man deshalb vernetzt und zusammen arbeitet.


Dank finanzieller Hilfe zu mehr Unabhängigkeit

Das Schweizerische Rote Kreuz unterstützt die Opfer der Katastrophe nicht nur mit der Verteilung von Hilfsgütern sondern auch mit Bargeld.

Die Familie Assaf lebt seit mehreren Monaten in Ajloun. Die Grossmutter, Mutter, Vater und die fünf Kinder leben alle in einem Raum. Vor wenigen Tagen erhielten sie eine Kreditkarte, auf die pro Monat einen ihrer Familiengrösse entsprechenden Betrag überwiesen wird. Diesen können sie so verwalten, wie es ihrer Situation am besten entspricht. Der Vater erzählt, dass sie in der Vergangenheit Schulden für das Bezahlen der Miete machen mussten und er dank dieser Bargeldhilfe nun einen Teil davon zurückzahlen konnte. Zudem konnte er frisches Gemüse und Früchte für seine Familie kaufen.

Diese Art von Hilfe setzt vor allem auf die Selbstbestimmung der Menschen, wissen sie doch selbst am besten, was sie dringend brauchen. 

Überhaupt fällt auf, dass die Menschen sich nicht in eine Opferrolle drängen lassen, es sind sehr starke Frauen und Männer, denen wir begegnen, die zurück nach Syrien wollen und in der Zwischenzeit versuchen, sich, so gut es geht, im fremden Land durchzuschlagen.


Lesen Sie auch den NZZ-Artikel vom 30.4.2013:  «Prothesen, Bargeld und psychologische Hilfe»

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