Was, wenn Nothilfe zur Dauerhilfe wird?

Humanitäre Hilfe wurde als kurzfristige und schnelle Hilfe konzipiert. Sie ist weder für die Langfristhilfe vorgesehen noch als Ersatz für die Entwicklungszusammenarbeit. Genau dazu wird sie heute jedoch in einer radikal veränderten Weltlage zunehmend gedrängt. Anlässlich eines Podiumsgesprächs zogen Peter Maurer (IKRK), Manuel Bessler (DEZA), Ruth Daellenbach (Expertin für internationale Zusammenarbeit) und Tony Burgener (Glückskette) eine Zwischenbilanz über die humanitäre Hilfe heute und deren künftigen Herausforderungen.

«Ein Drittel der Welt ist eine einzige Katastrophe.»[i] Katastrophen sind allgegenwärtig, bemerkt Roger de Weck, Generaldirektor der SRG SSR, im jüngst erschienen Buch «Humanitäre Hilfe Schweiz» von Walter Rüegg und Christoph Wehrli. Dabei sind sowohl Naturkatastrophen gemeint als auch menschengemachte Katastrophen. Letztere ziehen sich vermehrt in die Länge und mutieren zu Dauerkatastrophen: «Über drei Viertel der gesamten humanitären Hilfe von traditionellen Geldgebern wurden in den letzten Jahren für Reaktionen auf mittel- und langfristige Krisen aufgewendet», so Ruth Daellenbach, Expertin für internationale Zusammenarbeit.[ii]

In der Theorie wird eine klare Trennlinie gezogen zwischen der unmittelbaren Hilfe nach einer Katastrophe und der längerfristig ausgerichteten Entwicklungshilfe. Humanitäre Hilfe wird dabei definiert als «Reaktion auf humanitäre Notlagen, die durch Naturkatastrophen, Epidemien oder Gewaltkonflikte verursacht sein können».[iii] Traditionell zählen dazu die schnelle und kurzfristig ausgelegte Versorgung der Opfer mit Wasser, Nahrung, Medizin und provisorischen Unterkünften. In der Praxis und insbesondere im Kontext von Konflikten hat sich diese Grenze jedoch längst verwischt.

Humanitäre Akteure engagieren sich vermehrt über die unmittelbare Hilfe hinaus und leisten dabei nicht selten langfristige Substitutionsarbeit für fehlende Strukturen vor Ort. Das IKRK beispielsweise baute Behindertenzentren in Afghanistan, «weil sonst niemand diese Bedürfnisse abdeckt», so Peter Maurer, Präsident des IKRK. Ähnlich unterstützt die Glückskette im Libanon ein «Cash for Work»-Projekt vom Schweizer Hilfswerk HEKS und schafft damit temporäre Arbeitsplätze für Flüchtlinge, die sich mit Arbeiten im öffentlichen Interesse ein kleines Einkommen erwirtschaften können.

«Wir haben heute eine neue Bandbreite von humanitären Aktivitäten und müssen viel agiler, flexibler sein», so Peter Maurer.[iv] «Silo-Denken [zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungshilfe] ist nicht angebracht», kommentiert Manuel Bessler, Vize-Direktor der DEZA. Auch die Nothilfe sollte auf eine langfristige Wirkung ausgelegt sein, im Sinne der «Hilfe zur Selbsthilfe, [dem] Respekt für die Selbstbestimmung und [dem] Mitspracherecht der betroffenen Menschen sowie [der] Stärkung der lokalen Krisenresilienz».[v]

Die Hilfe vor Ort muss demnach künftig so konzipiert sein, dass sie nicht nur die unmittelbaren Bedürfnisse (wie Nahrung, Wasser, medizinische und sanitäre Versorgung und Unterkunft) zu befriedigen vermag, sondern darüber hinaus auch einen Beitrag zum Wiederaufbau und der nachhaltigen Wiederherstellung sozialer und ökonomischer Grundlagen leistet. Damit steigen die Anforderungen nicht nur hinsichtlich der Umsetzung, sondern auch der Finanzierung, gerade im Kontext von menschengemachten Katastrophen: «Die Spendenbereitschaft bei Naturkatastrophen [ist] viel grösser als im Fall von kriegerischen Auseinandersetzungen», erläutert Tony Burgener, Direktor der Glückskette, und spricht aus Erfahrung. Hilfswerke sind nunmehr gefordert, nicht nur ihre Hilfsleistung, sondern auch ihre Kommunikation und Finanzierungsmodelle anzupassen.

Die Betroffenen schliesslich kümmert die Diskussion über die Trennung von Not- und Entwicklungshilfe indessen wohl reichlich wenig. Hilfspakete rein an diesen zwei Kategorien auszurichten, wäre falsch, darüber waren sich die Podiumsteilnehmenden einig. Ebenso wenig sollte sich die humanitäre Hilfe an den Kreditlinien der Geberländer orientieren, oder gar ein Instrument der Politik sein. Entscheidend ist, dass sich die Hilfeleistungen an den Bedürfnissen vor Ort ausrichten und effektiv umgesetzt werden.

[i] Walter Rüegg und Christoph Wehrli: «Humanitäre Hilfe Schweiz», S. 22
[ii] Walter Rüegg und Christoph Wehrli: «Humanitäre Hilfe Schweiz», S. 185
[iii] Walter Rüegg und Christoph Wehrli: «Humanitäre Hilfe Schweiz», S. 10
[iv] Walter Rüegg und Christoph Wehrli: «Humanitäre Hilfe Schweiz», S. 18
[v] Walter Rüegg und Christoph Wehrli: «Humanitäre Hilfe Schweiz», S. 103