02.12.2020

Matthias Drilling - Experte für Armut und Obdachlosigkeit

Damit wir mit Ihren Spendengeldern die richtigen und wirkungsvollsten Projekte finanzieren können, ziehen wir für Finanzierungsentscheide Experten bei, die sich in der Sozialarbeit in der Schweiz bestens auskennen und uns beraten.

Im März 2020 haben wir unsere Sammlung für die Menschen in der Schweiz lanciert, die besonders unter der Coronavirus-Krise leiden. Unter den Menschen, die wir mit den gesammelten Spenden unterstützen wollten, waren unter anderen Menschen ohne Obdach und solche, die unter grosser Armut leiden. Damit wir unter den hunderten von eingereichten Projekten die besten und wirkungsvollsten zur Finanzierung identifizieren konnten, nahmen wir die Expertise von Matthias Drilling in Anspruch, der sich bestens mit der Thematik auskennt.

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich Matthias Drilling, Leiter des Instituts Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, mit der Armut in der Schweiz und weltweit. Gegenüber den Studierenden verdeutlicht er die gesellschaftlichen Ursachen für Armut und zeigt auf, dass es zu kurz greift, nur persönliche Faktoren dafür verantwortlich zu machen.

Mehr über seinen Blick auf die aktuelle Armut in der Schweiz und die Zusammenarbeit mit der Glückskette erfahren Sie im Interview.

Worin besteht Ihre Arbeit mit der Glückskette?

Wir hatten an der Fachhochschule vor Jahren begonnen, das Thema Obdachlosigkeit zu bearbeiten. Anlass waren die Diskussionen in der Öffentlichkeit: Menschen aus Osteuropa nutzten die Notschlafstellen, Menschen mit einer psychischen Krankheit sassen in den Suppenküchen. Die Verantwortlichen der Glückskette hatten unseren Bericht gelesen und das Gespräch gesucht, um zu klären, ob und wie sie sich bei diesem Thema engagieren könnten. Mitten in diese Diskussion kam COVID-19 und plötzlich waren tausende Menschen in der Schweiz von Lebensmittelspenden und kostenlosem Essen abhängig. Seither unterstütze ich als einer der beiden nationalen Berater das Programm COVID 19 der Glückskette.

 

Warum ist es wichtig vor einer Finanzierung die Projektanträge zu analysieren?

Trotz aller Notsituationen und den damit wichtigen schnellen und direkten Aktivitäten werden Spendengelder aus Bevölkerung und Wirtschaft über die Glückskette verteilt. Zudem ist die Höhe des verfügbaren Betrages begrenzt. Deshalb müssen Prioritäten definiert werden, was in Anbetracht der schweizweit grossen Not überhaupt nicht einfach ist. Zwei externe Berater in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, zeigt, dass die Glückskette transparent sein will. Gemeinsam haben wir Kriterien und Fragen formuliert, zu denen sich die Projekte äussern müssen. Diese Angaben ermöglichen dann später auch eine Evaluation und die fliesst über die Kommunikationsarbeit der Glückskette zurück zu den Spenderinnen und Spendern.

 

Nach welchen Kriterien bewerten und evaluieren Sie Projekte von Schweizer Organisationen im Rahmen der Sammlung für die von Covid-19 am stärksten betroffenen Menschen?

Es gab zwei Ausschreibungen: eine für die Menschen, die plötzlich nicht mehr genug zu essen hatten und etwas später eine für Menschen, deren Einkommen wegbrach und die keinen Zugang zum Sozialstaat haben. Das wichtigste Kriterium war also der Beitrag zur Verhinderung von Hunger und existentieller Armut von Einzelnen, Familien, Kindern und alten Menschen in der Schweiz. Dann gab es Kriterien zur Anzahl und dem Profil der Begünstigten und ob es andere Möglichkeiten zur Unterstützung gäbe. Und wir prüften, ob die Organisation das Projekt überhaupt durchführen kann. Das Antragsformular war sehr kurz, und so erreichten wir auch Menschen, die sich aus Solidarität kurzfristig zusammengeschlossen haben.

 

Sie kennen die von der Glückskette bereits unterstützten Organisationen und deren Projekte gut. Können Sie uns erklären, mit welchen Schwierigkeiten diese seit dem Beginn der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen haben und ob es seit diesbezüglich eine Entwicklung gegeben hat?

Viele Schwierigkeiten in Zeiten der Pandemie haben schon vorher bestanden. Organisationen, die Lebensmittel an bedürftige Menschen verteilen, sind in den Abgabestellen überwiegend auf Freiwillige, gerade auch ältere Menschen, die sich dann aber zurückzogen, angewiesen. Beratungsstellen für Menschen, die unser Sozialstaat nicht ausreichend unterstützt, leiden schon seit Jahren an personeller und finanzieller Unterausstattung. In der Pandemie verdoppelte sich die Zahl der Bedürftigen innert Wochen. Weil Mieten nicht mehr gezahlt werden konnten ging den Organisationen das Geld aus. Entwicklungspotenzial sehe ich nur, wenn wir das grundsätzliche Problem ernsthaft sozialpolitisch thematisieren.

 

Welche Menschen in der Schweiz haben finanzielle Unterstützung benötigt und welche benötigen sie noch weiterhin?

Zu Beginn gab es in der ganzen Schweiz Menschen, die hungerten. Durch den Lockdown hatte die Schweizer Tafel, die täglich rund 16 Tonnen Lebensmitteln abgibt, Schwierigkeiten, Waren zu erhalten. Tischlein Deck Dich, das verbilligte Lebensmittel verteilt, fehlten rund 3000 Freiwillige und über 130 Abgabestellen mussten schliessen. Das alles hat mehr als einer halben Millionen Menschen von heute auf morgen die Nahrungsgrundlage entzogen. Dann wurden die Folgen für die Haushaltshilfen ohne Sozialversicherung, Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere, aber auch alle, die neben Ergänzungsleistungen oder Rente sehr wenig Geld haben, sichtbar. Für nochmals mehr als eine Viertel Millionen Menschen in der Schweiz geht es noch heute darum, nicht wohnungslos zu werden.

 

Wie sehen Sie als Experte auf diesem Gebiet die lang- und mittelfristigen Auswirkungen für Einzelpersonen und Familien, die durch Covid-19 einen erheblichen Einkommensverlust erlitten haben?

Das ist noch zu früh zu sagen. Die Bilder von Menschen die für eine Tüte mit Nahrungsmitteln im Gegenwert von 20 Franken Schlange stehen, sind uns aus Genf, Basel oder Zürich in Erinnerung; aber auch im ländlichen Raum gab es das. Diese Menschen werden lange das Gefühl mit sich tragen, wertlos zu sein und wir müssen alles unternehmen, dass es ihre Kinder nicht auch verinnerlichen. Menschen an der Grenze zur finanziellen Verarmung leben schon seit langem mit dem Wissen, dass sie wichtige Dinge wie Wohnen und Ernährungssicherheit jederzeit verlieren können. Einige sind ja zu Beginn der Pandemie aus der Schweiz regelrecht geflohen, irgendwohin und ohne zu wissen, ob es ihnen dort besser geht.

 

Was können Sie zur Antwort des Freiwilligendienstes und der Zivilgesellschaft im Allgemeinen auf diese Krise sagen?

In der Tat wurden zu Beginn der Pandemie sehr viele neue Hilfsangebote formuliert; Restaurants, die schliessen mussten, kochten für Obdachlose; junge Menschen starteten Nachbarschaftshilfen und vieles mehr. Der Solidaritätstag der Glückskette hat eindrücklich sichtbar gemacht, wie gravierende Situationen entschärft werden konnten. Aber der Sozialstaat kann die Krise nicht auf die Zivilgesellschaft überwälzen. Freiwilligenarbeit und Solidarität sind nicht die letzten Auffangnetze auf nationaler Ebene und sie kompensieren auch nicht den Sozialstaat. Es muss klar sein, dass sich Freiwillige wieder zurückziehen, weil sie erschöpft sind, wieder arbeiten müssen, andere Aufgaben übernehmen wollen.

 

Können Sie bereits Erkenntnisse für die Zukunft ziehen, was die Hilfe für die Bedürftigsten betrifft?

Es ist deutlich geworden, wie schnell Menschen in der reichen Schweiz unter die Armutsgrenze fallen können. Hunger und Leid sind auch keine ausschliesslich städtischen Phänomene. Die Freiwilligenarbeit wird sehr stark von Gruppen getragen, die selbst verwundbar sind. Beim Bundesrat haben die sozialen Organisationen nicht die gleiche strategische Bedeutung wie die Wirtschaft. Und die sozialen Organisationen haben noch viel Potenzial bei der Kooperation: untereinander und auch zwischen Gemeinde, Kanton und Staat. Den Belastungstest unter COVID-19 hat die Schweiz aus sozialer Sicht nicht bestanden. Daran müssen wir arbeiten. Ideen liegen seit langem vor, wir müssen ihnen jetzt mehr Relevanz geben.