20.02.2018

Ladina Spiess: «sharing is caring»

Von 2011 bis Ende 2017 war die bekannte Radiomoderatorin und -produzentin Ladina Spiess die Stimme der Glückskette. Während 7 Jahren gab sie den von Katastrophen betroffenen Menschen eine Stimme. Ihre Reportagen sind dafür bekannt, dass sie emphatisch und nahe bei der betroffenen Bevölkerung sind, ohne dabei die nötige kritische Distanz zu verlieren. Auf dem Feld schenkte die Moderatorin den humanitären Helferinnen und Helfern, genauso viel Zeit wie den Opfern der Katastrophe. Im Rahmen von 14 Reisen in Krisengebiete aller Kontinente war sie Zeugin der Schäden, die durch die grössten Katastrophen der Welt verursacht wurden, von Haiti bis Indonesien. Bevor sie das Mikrofon Dani Fohrler übergibt, zieht Ladina Spiess mit uns Bilanz.

Was waren Ihre prägendsten Eindrücke auf Ihren Reisen?

Ich war erstaunt, wie effizient die humanitäre Hilfe geleistet wird. Bis auf einige wenige Ausnahmen koordinieren sich die Organisationen untereinander und die Opfer erhalten schnell Soforthilfe. Das konnte ich 2016 nach dem Hurrikan Matthew in Haiti miterleben. Für das Personal der lokalen und internationalen Hilfswerke handelt es sich mehrheitlich nicht nur um Arbeit, für sie ist es eine moralische Verpflichtung und sie sind oft persönlich berührt vom Schicksal der Menschen, bleiben dabei jedoch professionell. Davon war ich beeindruckt, auch heute noch, nach 14 Reisen.

Was haben Sie gelernt?

Ich habe vor allem verstanden, warum es nach der Phase der Nothilfe eine gewisse Zeit dauern kann, bis der Wiederaufbau starten kann. Je mehr Akteure involviert sind, desto schwieriger wird die Koordination, besonders im Falle einer geschwächten Regierung. Trotz allem kommt die Hilfe an. Und die Qualität im Bereich Wiederaufbau stimmt auch.

Gibt es eine Begegnung, die Sie besonders geprägt hat?

Ja, in Uganda, mit Adjan, einem jungen Mann, der mit seinen 11 Geschwistern, der jüngste von ihnen gerade mal zwei Jahre alt, vor dem Krieg geflüchtet war. Adjan war stark, er spielte die Rolle eines Erwachsenen, war aber noch ein Kind. Ich denke heute noch viel an ihn. Er verkaufte seine eigene Lebensmittelration, um vier Brüdern und Schwestern die Schulbildung zu ermöglichen. Ich war gerührt, als ich sah, wie er seine gesamte Familie vor seine eigenen Bedürfnisse stellte, trotz der Schwierigkeiten, die er durchmachen musste. Er war Begünstigter eines Projekts des Schweizerischen Roten Kreuzes, welches aus Spenden der Aktion «Jeder Rappen zählt» 2014 «Familien auf der Flucht» mitfinanziert wurde.

Und Ihr speziellster Sammeltag?

Schwer zu sagen, jeder Sammeltag war ein Erlebnis. Am Sammeltag für die Philippinen (Taifun Haiyan 2013) kamen etliche Leute aus der philippinischen Gemeinschaft die Spendenzentrale nach Bern und bedankten sich immer wieder für die Hilfe. Besonders geblieben ist mir auch eine Frau, die am Sammeltag für die Hungerkatastrophe in Afrika ein Spendenversprechen von 500’000 Franken deponierte.

Was denken Sie von den Schweizer NGOs auf dem Feld?

Ich war erstaunt von der hohen Professionalität der Mitarbeitenden von Schweizer NGOs und von der Qualität ihrer Arbeit. Ich stellte fest, dass alle darauf bedacht sind, den Spenderinnen und Spendern gegenüber Rechenschaft abzulegen und die Verwendung der Spendengelder transparent offenlegen.

Welche Bedeutung hat die Glückskette für SRF?

Die Glückskette ist der humanitäre Arm der SRG und das ist äusserst wichtig für diese. Es geht nicht darum, sich ein wenig für soziale Verantwortung zu engagieren, sondern das ist in den Werten des Unternehmens verankert, genau wie 2x Weihnachten und Denk an mich. Zudem wurde die Glückskette von der SRG gegründet, die Verbindung ist also stark. Das sieht man sogar bei den Mitarbeitenden, die an den Sammeltagen Anrufe entgegennehmen. Meiner Meinung nach kann die SRG stolz auf die Glückskette sein.

Was ist Ihrer Meinung nach unser Mehrwert?

Die Glückskette ist eine Kette der Solidarität, die Menschen zusammenbringt. Keine andere Organisation in der Schweiz kann das. Egal, welchen Betrag die Bevölkerung spendet, man spürt, dass sich die Glückskette mit Herz einsetzt. Aus internationaler Perspektive ist die Organisation ein kleiner Akteur, aber ein starker, solider, der gute Arbeit leistet und einen Unterschied macht.

Was bedeutet Solidarität für Sie?

Es geht um die Erkenntnis, dass das “ich” nur existieren kann, wenn es andere Menschen gibt. Das hat mit der Grosszügigkeit sich selbst und anderen gegenüber zu tun. Und diese Grosszügigkeit versuche ich zu leben.

Können Sie den Spenderinnen und Spendern der Glückskette garantieren, dass ihr Geld zu 100% gut genutzt wird?

Nein. 100% Erfolg in allen Bereichen ist selten. Überall, wo Menschen arbeiten, passieren Fehler, die humanitäre Arbeit macht da keine Ausnahme. Aber dank Kontrollen und Besuchen der Glückskette werden Fehler geortet und gemeldet und Massnahmen ergriffen, um den Kurs zu korrigieren.

Sie verlassen nun die Glückskette und SRF. Was machen Sie jetzt?

Es sind zwei berufliche Standbeine, die ich aufgebaut habe. Einerseits bin ich Partnerin in einem kleinen Werbebüro in der Ostschweiz, andererseits bin ich als Moderatorin und Schulungsleiterin im Bereich Auftrittskompetenz zu haben.

Was möchten Sie der neuen Generation Spender mitgeben?

Versteht, dass dies nicht eure Welt ist, sondern unsere Welt. Teilen heisst, Anteil zu nehmen (sharing is caring).