08.01.2020

Was bewirkt die mit ihren Spenden finanzierte Hilfe in Haiti zehn Jahre später?

Wirksamkeit der Projekte unter der Lupe

Die Spendensammlung nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti 2010 ist nach dem Tsunami in Südostasien die drittgrösste Sammlung, für die wir eine unabhängige Analyse zur Wirksamkeit der Hilfe zehn Jahre nach der Katastrophe in Auftrag gegeben haben. Über 66,2 Millionen Franken Spenden wurden uns anvertraut. Zu den Aufgaben einer verantwortungsvollen Geldgeberin gehört es, aufzuzeigen, wie die Spendengelder verwendet werden, aber auch zu verstehen, was sie langfristig bewirkt haben, und daraus Lehren für die zukünftige Katastrophenhilfe zu ziehen. Im Rahmen der Wirkungsanalyse von 2019 wurden über 500 haitianische Haushalte befragt und Daten vor Ort erhoben. Folgendes wurde von unabhängigen Experten herausgefunden:

92 Prozent
der Befragten gaben an, dass die Projekte unserer Partnerhilfswerke die bedeutendste Veränderung in ihrem Leben bewirkt haben

Diese hohe Zufriedenheit lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Die Hilfe gestaltete sich sehr effizient, weil die Hilfswerke schon vor der Katastrophe im Rahmen von Entwicklungsprojekten präsent waren und in den darauffolgenden Jahren vor Ort geblieben sind. So konnten sie die Kontinuität gewährleisten und die Bevölkerung und lokalen Behörden in die Projekte miteinbeziehen. Während sich die internationale Hilfe hauptsächlich auf Port-au-Prince konzentrierte, waren unsere Partnerhilfswerke in den ländlichen Regionen nahe dem Epizentrum tätig, wo es weniger Hilfe für die Erdbebenopfer gab. 90 Prozent der Befragten gaben ausserdem an, dass sie mit der Unterstützung ihre Grundbedürfnisse decken und eine Lebensgrundlage aufbauen konnten.

95 Prozent
der Menschen, die eine Unterkunft erhalten haben, leben heute noch darin

Alle Unterkünfte wurden nach erdbebensicheren Standards gebaut. 84 Prozent der Befragten fühlen sich vor klimatisch bedingten Risiken geschützt. Ein Grossteil der Familien, nämlich 87 Prozent, nutzen noch immer ihre neuen Latrinen. Zehn Jahre nach dem Erdbeben fühlen sich die Betroffenen dank angepassten Infrastrukturen sowie Zugang zu Informationen über das Mobiltelefon oder Radio besser auf künftige Ereignisse vorbereitet. Die Begünstigten gaben ausserdem an, dass es für sie wichtig ist, auf die stabilen Einkommensquellen und Spargruppen zählen zu können. Nachhaltig ist auch die Instandsetzung der gemeinschaftlichen Strukturen: 79 Prozent von ihnen werden noch heute regelmässig von der Bevölkerung genutzt.

Zehn Jahre sind seit dem Erdbeben in Haiti vergangen. In einer unabhängigen Analyse zur Wirksamkeit der Hilfe, die mit Ihren Spenden finanziert wurden, führen 9 von 10 der befragten Haushalte an, dass sie dank der von der Glückskette unterstützen Hilfsprojekte ihre Grundbedürfnisse abdecken und ihre Existenzgrundlage wieder herstellen können. Wir freuen uns sehr über diese erfolgreiche Unterstützung, welche Sie mit Ihrer Solidarität ermöglicht haben. Gleichzeitig werden wir aus der Wirkungsanalyse auch Lehren für die Verbesserung der Hilfe bei künftigen Katastrophen gezogen.

Ein Jahrzehnt der Instabilität

Der Übergang von der Nothilfe zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebensqualität für die Erdbebenopfer stellte eine Herausforderung für unsere Partnerhilfswerke dar. Die Analyse zeigte, dass die Haupthindernisse zum Erreichen der Ziele, die unsere Expertinnen und Experten von den Partnerhilfswerken fordern, nicht direkt mit den Projekten, sondern mit dem fragilen Kontext zusammenhängen. Haiti musste sich vom Erdbeben erholen – gleichzeitig wurde das Land aber von weiteren Naturkatastrophen heimgesucht und litt unter politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krisen, die bis heute andauern. In diesem Zusammenhang machte die Analyse deutlich, dass es nach dem Wirbelsturm Matthew Verzögerungen bei den Projekten gab und dass nur wenige Personen, die von einer Ausbildung profitieren konnten, eine stabile Beschäftigung gefunden haben. Ausserdem hat der Rückgang der Wirtschaftstätigkeit die Wirksamkeit der Hilfe beeinträchtigt: Der starke Anstieg der Nahrungsmittelpreise hat die Armutsgrenze angehoben und die Hälfte der Haushalte des Landes in die Verschuldung getrieben.